Interviews mit Experten – Teil 2 / Thema Orthonyxie-Spangen mit Melanie Roithner

 

Interviews mit Experten – Teil 2 / Thema Orthonyxie-Spangen mit Melanie Roithner

. Allgemein 22 Jun 2016

In der Kategorie „Interviews mit Experten“ sprechen wir regelmäßig mit Fußexperten zu interessanten Themen aus der Praxis. Das nachfolgende Interview haben wir mit der Podologin Melanie Roithner zum Thema Orthonyxie-Spangen geführt. Sie betreibt ihre Praxis im Bio Suiten Hotel Plumbohms im schönen Bad Harzburg.

Thema: Orthonyxie-Spangen

Interviewpartner: Melanie Roithner

 

Prontoman: Hallo Frau Roithner! Freut uns, dass Sie uns heute einige Fragen zum Thema Orthonyxie-Spange beantworten. Zunächst möchten wir mit der Frage starten, bei welchen Indikationen sich der Einsatz einer Nagelkorrektur-Spange aus Ihrer Sicht empfiehlt?

Roithner: Das sollte man von Fall zu Fall abwägen. Denn nicht jeder Zehennagel benötigt eine Orthonyxie-Spange. Eine Indikation ist z. B. der sogenannte Unguis convolutus – dies ist ein Rollnagel, der keine Entzündungszeichen aufweist. Hat der Patient aber an diesem Zeh keine Schmerzen, würde ich von einer Spange abraten. Bei extremen Rollnägeln ist die Behandlung dann auch recht langwierig. Der typisch eingewachsene Nagel nennt sich auf Latein Unguis Incarnatus. Meist weist dieser Entzündungszeichen auf wie Schmerzen, Rötung, Wärme, Hypergranulation mit Eiterbildung. Seltener sind unregelmäßig verformte Nägel, die schief aus dem Nagelbett herauswachsen. Da sollte eine podologische Behandlung regelmäßig erfolgen, da solch ein Nagel z. B. durch ein Trauma immer wieder einwachsen wird.

Prontoman: Gibt es auch Kontraindikationen?

Roithner: Der geschulte Podologe würde von einer Nagelspangentherapie abraten, wenn der Nagel brüchig ist wie bei der Psoriasis oder bei sehr dünnen Nägeln bei Kindern beispielsweise. 

Wenn der Nagel zum großen Teil, vor allem am lateralen Nagelrand, von einer Onychomykose (Nagelpilz) befallen ist, wird keine Spange gesetzt, da sie bei einem brüchigen Nagel nicht halten würde. Ebenso bei einer Onycholyse, das bedeutet, dass eine partielle Ablösung des Nagels vorliegt.

Prontoman: Gibt es verschiedene Techniken der Nagelkorrektur-Spangen?

Roithner: Ja, seit es die erste Nagelkorrekturspange im Jahr 1873 von Edward Stedman gab, werden immer wieder neue Arten der Spange ausgetüftelt. Einige mir bekannte sind die folgenden Modelle:

     –  BS Spange (Bernd Stolz, 1987)
     –  3TO Spange (Elvira Osthold, 1988)
     –  Onyclip (1992)
     –  COMBIped und Podofix Klebespangen
     –  Naspan-Platinium Spange von Gehwol

In den Podologieschulen wird die Ross Fraser Technik gelehrt. Diese wende ich zurzeit auch selber an. Es ist mein Spezialgebiet und ich arbeite sehr gern mit dieser Technik.

Anfertigen einer Orthonyxie -SpangeProntoman: Unter welchen Voraussetzungen dürfen Podologen welche Technik anwenden z. B. Rossfraser-Technik oder Klebespange etc.?

Roithner: Die Ross Fraser ist absoluter Prüfungsbestandteil für Podologen und muss nahezu perfekt beherrscht werden, um Behandlungsfehler zu vermeiden. Diverse Klebespangen z. B. von 3TO können mit und ohne Seminar erlernt werden, auch von Fußprofis ohne Podologen Urkunde.

Prontoman: Werden die Kosten von der Krankenkasse getragen?

Roithner: Die Krankenkassen bezuschussen die Spangen in der Regel. Einige Kassen tun sich damit leider immer noch recht schwer. Wenn ein Patient die Spange benötigt, habe ich immer einen Vordruck parat, den er nur noch beim Arzt abzugeben braucht. Darauf steht: „Orthonyxie-Spange nach Ross Fraser mit Abdruck inkl. 6 Regulierungen“ Diagnose: Unguis Incarnatus Digitus 1 rechts/links. So klappt es nach meiner Erfahrung am besten und ich bekomme genau diese Heilmittelverordnung. Dann schreibe ich einen Kostenvoranschlag für die Krankenkasse, schicke beides raus und warte auf die Genehmigung. Um mich abzusichern, falls die Krankenkasse nicht zahlt, unterschreibt der Patient auf einem vorbereiteten Formular, dass er unter Umständen die Kosten selber zu tragen hat. Dies erkläre ich auch ausführlich. Das wird von den Patienten in der Regel akzeptiert.

Prontoman: Was muss der Patient beim Tragen der Spange beachten?

Roithner: Den Jugendlichen empfehle ich immer, während der Therapie auf Fußball spielen zu verzichten und regelmäßig zu kontrollieren, ob die Spange sich evtl. gelöst hat (Sockenkontrolle). Das kann in einigen Fällen passieren. Um Entzündungen vorzubeugen, empfehle ich jedem das wunderbare Hydrogel von Prontoman. Meist wird dies dankend angenommen, da es so vielseitig anwendbar und auch für die Hausapotheke toll geeignet ist. Grundsätzlich erkläre ich dem Patienten auch, wie er die Nägel richtig schneiden sollte.

Prontoman: Wie lange dauert die Therapie?

Roithner: Eine Therapie dauert etwa sechs bis zehn Monate. In vielen Fällen wird ein 2. und sogar 3. Rezept erforderlich sein. Es kommt darauf an, wie schnell der Nagel wächst und sich die wünschenswerte Wachstumsrichtung ändert.

Prontoman: Wie häufig wird die Spangentechnik im Praxisalltag eingesetzt?

Roithner: Sehr unterschiedlich. Während und nach meines Studiums war ich insgesamt in vier verschiedenen Podologiepraxen tätig. In drei davon kam die Orthonyxie-Spange recht selten zum Einsatz. Daher habe ich mir vorgenommen, dieses Thema bekannter zu machen, und bin aktuell dabei diese Therapieform in Arztpraxen vorzustellen und Vorträge zu diesem und anderen Themen in Seniorenresidenzen zu halten. Es ist viel Eigeninitiative angebracht. So erzähle ich Patienten davon, wenn ein Nagel zum Einwachsen tendiert. Auch auf der Webseite ist ein schönes Video von der Herstellung zu sehen. (www.podologie.land)

Prontoman: Gibt es bestimmte Altersgruppen?

Roithner: Mein jüngster Patient ist 2,5 Jahre jung. Er bekommt natürlich keine Spange, auch wenn es rein theoretisch möglich wäre. Meine Spangenpatienten sind zwischen 14 Jahren und die Älteste über 80 Jahre. Für eine Nagelkorrektur ist es nie zu spät.

Prontoman: Bei welchen Patientengruppen kommt der eingewachsene Nagel am häufigsten vor?

Roithner: Meist liegt es tatsächlich an den Genen und wird schlichtweg vererbt. Ein häufiges Problem ist außerdem unpassendes Schuhwerk. Bei Damen z. B. die engen, spitzen High Heels. Oft sind es aber auch Adipositas, Fuß – oder Zehendeformitäten. Sehr häufig werden die Nägel zu kurz, rund geschnitten.

Prontoman: Wie kann man dem vorbeugen und welche Sofortmaßnahmen ergreift der Podologe?

Roithner: Zunächst erfolgt eine Patientenaufklärung zum richtigen Nägel schneiden. Dann behandele ich den Zehennagel, indem ich nur seitlich einen schmalen Teil des Nagels entferne. Bis ich den störenden Nagelkeil erwischt habe ggf. mit rotierendem Instrument schleifen. Die Nagelfalz, auch Sulcus genannt wird anschließend mit einer Vlieseinlage (Tamponade) unterlegen. Durch diese „Distanzeinlage“ wächst der Nagel gegen das Vlies und nicht in den Nagelwall. Danach gebe ich Prontoman Gel auf die betroffenen Areale, welches heilungsfördernd und entzündungshemmend ist. Zwischenzeitlich immer wieder desinfizieren. Den Zeh evtl. mit TG Schlauchverband versorgen. Wenn keine Verletzungen vorliegen, genügt ein Pflaster. Bei kleinen Entzündungen oder Verletzungen spüle ich die Wunde mit Prontoman Spray um Keime auszuspülen. Danach wird der Zeh weiter versorgt und verbunden. In schlimmeren Fällen muss der Patient zum Arzt gehen.

Prontoman: Gibt es Alternativen zur Spangentechnik? Wenn ja, welche Vor- und Nachteile gibt es?

Roithner: Ja, gibt es beispielsweise die bereits angesprochene Technik mit Tamponaden. Diese gibt es industriell vorgefertigt oder man nimmt Vlies und deckt sie nach dem einarbeiten in den Nagelfalz z. B. mit Nagelmasse ab. Ich selber verwende diese Methode am liebsten. Eine unterstützende Hilfe mit toller Wirkung und Prävention, ist das Aufkleben eines speziellen Tapes. Es wird vom betroffenen Nagelrand aus mit viel Zug unterhalb des Zehs aufgebracht. Damit kann man den Nagelfalz etwas entlasten. Wenn aber keine Besserung eintritt, empfiehlt sich ein Besuch beim Arzt.

Prontoman: Vielen Dank für das Interview!